Deschwanden hörte nicht auf zu suchen – Bronze ist sein verdienter Lohn
Damit hätte niemand gerechnet: Der Innerschweizer Gegor Deschwanden sichert sich im Skispringen von der Normalschanze die Bronzemedaille, punktgleich mit dem Japaner Ren Nikaido. Überlegener Sieger wird der Deutsche Philipp Raimund vor dem Polen Kacper Tomasiak.
In einer bisher schwierigen Saison ruft der Schweizer sein Potenzial am Tag X ab. Denn: Hätten die Olympischen Spiele im vergangenen Winter stattgefunden, wäre Gregor Deschwanden mit vier Podestplätzen als Medaillenkandidat angereist. In dieser Saison jedoch fand der 34-jährige Luzerner den Tritt nicht. Besser als Zehnter war er in einem Einzelwettkampf nie klassiert.
Zwei Mal Schanzenrekord für Deschwanden
Deschwanden fliegt in beiden Durchgängen zwischenzeitlich Schanzenrekord – und weil auch die Landungen gelingen, ist die Überraschung perfekt. Nach dem ersten Durchgang lag Deschwanden noch 0,1 Punkte hinter dem Bronzeplatz. Mit seinem zweiten Sprung machte er auf Kosten des Franzosen Valentin Foubert noch einen Platz gut.
Später im SRF-Interview gesteht der strahlende Deschwanden: «Ich habe gar keine Kleider mitgenommen für die Medaillenfeier und musste mir von den Teamkollegen eine Jacke ausleihen. Dafür sind Teamkollegen doch da!» Und weiter: «Ich habe gewusst, dass es für eine Medaille reichen kann, wenn mir zwei Topsprünge gelingen. Nach dem ersten Sprung habe ich mich gleich ein paar Zentimeter grösser gefühlt. Es ist einfach der Hammer, dass es geklappt hat!»
Deschwanden ist erst der dritte Schweizer, der eine Skisprung-Medaille an Olympischen Spielen gewinnt. Über allen thront natürlich Simon Ammann mit seinem Doppel-Doppel-Gold 2002 in Salt Lake City und 2010 in Vancouver. 1972 sicherte sich Walter Steiner in Sapporo Silber von der Grossschanze.
Geduld und akribische Arbeit führen ans Ziel
Noch vor einem Jahr hätte man Deschwanden dieses Resultat ohne Weiteres zugetraut. Er gehörte im Weltcup regelmässig zu den Besten, sprang seit der vorletzten Saison siebenmal aufs Podest, einzig ein Sieg blieb ihm verwehrt. Auf diesen Winter hin aber wurde der Luzerner zum Suchenden. Olympischer Druck? Neue Anzugs-Bestimmungen? Die 34 Jahre, die langsam zu zehren begannen? Er fand stets plausible Erklärungen – doch die Resultate blieben aus.
Auch als Deschwanden am vergangenen Freitag in Predazzo vor die Medien trat, sprach er detailliert über mögliche Anpassungen bei Anlauf und Absprung. Die Zuhörer spürten: Seine Suche war noch nicht abgeschlossen.
Auch im vergangenen Sommer war er geduldig geblieben. Er war ganz Teamplayer, holte sich im zweitklassigen Continental Cup die nötigen Punkte, damit die Schweiz einen zusätzlichen Weltcupplatz erhielt.
Das neue, junge Team ist in Aufbruchstimmung
Auch hinter Deschwanden gab es am Montagabend einen Schweizer Erfolg zu feiern: Felix Trunz sprang mit zwei soliden Versuchen auf Rang 18 – so weit vorn war er im Weltcup noch nie klassiert. Auch Sandro Hauswirth konnte nach Durchgang eins noch zufrieden sein, bevor es ihn nach einem verpatzten zweiten Sprung nur noch zu Rang 28 reichte. Insgesamt präsentierte sich das Schweizer Team in Predazzo überzeugend.
Die Genugtuung ist damit auch bei Bine Norcic gross, der das Team erst im vergangenen Sommer übernommen und geformt hat. So wie bei Martin Künzle, der die Schweizer Skispringer seit Jahren begleitet – und zu den emotionalsten Gratulanten von Gregor Deschwanden gehörte. (aargauerzeitung.ch)
